Die nackte WAHRHEIT

Die nackte WAHRHEIT

… aber muss es denn gleich unbedingt „nackt“ sein?

#miniaturgeschichten (Nr. 49)

Die idg. Wurzel „uer-“ findet sich abgewandelt in fast allen Sprachen wieder: gr. era, lat. verus, ahd. wār und selbst im Namen ‚Vera‘ ist es enthalten.
Das idg. „nog“ für „nackt“ wurde jedoch schnell tabuistisch entstellt, wie man so schön sagt.
Diese Tabuisierung der Nacktheit findet sich auch in einer Legende aus dem 19. Jahrhundert wieder.

Denn hier trafen sich eines Tages die „Wahrheit“ und die „Lüge“. Die Lüge spricht zur Wahrheit: „Ist es denn nicht heute gar ein wunderbarer Tag“? Die Wahrheit blickt in den Himmel und erkennt nichts Falsches daran, denn der Tag war wirklich schön. Schließlich gelangen sie an einen Brunnen. „Das Wasser des Brunnens ist herrlich erfrischend; lass uns zusammen baden!“, schlägt die Lüge vor. Die Wahrheit testet skeptisch das Wasser und merkt: Es ist wirklich sehr angenehm. So legen sie ihre Kleider ab und beginnen zu baden. Plötzlich stürmt die Lüge aus dem Wasser, raubt der Wahrheit die Kleider und rennt für immer davon. Die betrogene Wahrheit jedoch erhebt sich langsam und beschämt aus dem Brunnen und sucht überall vergeblich nach der Lüge und ihren Kleidern.
Seit diesem Tage sieht die Welt die Wahrheit nackt und wendet ihren Blick mit Scham und Verachtung ab.
Die Lüge jedoch reist seitdem um die Welt, verkleidet als die Wahrheit – so die Legende.

Manche glauben daher, die Wahrheit liege nun tief im Wein verborgen, aber aus schier unerfindlichen Gründen können sie sich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern.
In vino veritas!

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